162.000 Ausbildungsstellen sind derzeit noch unbesetzt. Gleichzeitig gibt es junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden. Das klingt zunächst widersprüchlich. Auf Reddit ist zu lesen, dass sich schon kurz nach Ausbildungsbeginn, die Berufsfrischlinge Gedanken darüber machen, wieder aufzuhören. Das zeigt uns, dass dahinter ein viel größeres Problem steckt. Wir müssen uns wieder ernsthafter mit der Frage beschäftigen, welcher Bildungsweg für welchen jungen Menschen eigentlich der richtige ist. Dieser Artikel ergänzt unseren Artikel Ausbildung versus Studium versus Fernstudium und gibt neue Impulse.
Autor: Thomas W. Frick (LinkedIn-Profil / Xing-Profil)
Mit eigener Erfahrung geschrieben: Mit einer Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel im IT-Umfeld hat der Autor seine Berufslaufbahn gestartet und zehn Jahre später, in den Räumlichkeiten der Goethe-Universität in Frankfurt, nochmals die Schulbank gedrückt. Einfach war dies nicht, denn gelernt wurde, nachdem er schon acht Stunden gearbeitet hatte, nach Feierabend und Vertriebsverantwortung, ab 17.30 Uhr bis 21.00 Uhr, an drei Abenden in der Woche, da ein Wochenendstudium für ihn nicht infrage kam. Sein berufsbegleitendes Studium zum Marketing- und Vertriebsökonom (VWA) konnte er 2005 erfolgreich abschließen und ist sich sicher, dass er zu einem früheren Zeitpunkt nicht so viel vom Studium mitgenommen hätte, als es mit fortgeschrittener Berufs- und Lebenserfahrung der Fall war.
Ein kleiner Zeitungsartikel in unserer Regionalzeitung hat mich zum Nachdenken gebracht. Darin wird berichtet, dass nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit noch 162.000 Ausbildungsstellen unbesetzt sind.
Das Interessante: Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt 433.000 Ausbildungsstellen gemeldet. Der Großteil der Ausbildungen beginnt im August und September.
Die aktuellen Zahlen zeigen, dass dieses Thema nichts an Aktualität verloren hat. Im Juli 2026 waren bei der Bundesagentur für Arbeit 437.000 Ausbildungsstellen gemeldet, 162.000 davon noch unbesetzt.
Das Verrückte: Gleichzeitig hatten 147.000 junge Menschen weder eine Ausbildungsstelle noch eine andere konkrete Perspektive.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht einfach, dass die Jugendlichen nicht arbeiten wollen, das wäre zu einfach.
Studium ist nicht automatisch der bessere Weg
Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten ein gesellschaftliches Bild entwickelt, bei dem das Studium häufig als der vermeintlich bessere Bildungsweg gilt.
Gesellschaftliches Bild: Abitur, Studium, möglichst akademischer Beruf. Eine Ausbildung wird dagegen manchmal fast wie die zweite Wahl betrachtet. Ich halte das für einen Fehler.
Ein Studium kann genau richtig sein. Wer beispielsweise Arzt, Ingenieur, Jurist, Lehrer oder Wissenschaftler werden möchte, braucht dafür in der Regel einen akademischen Bildungsweg. Aber nicht jeder junge Mensch ist mit 18 Jahren dafür bereit, mehrere Jahre überwiegend theoretisch zu lernen.
Und nicht jeder Mensch findet seine Stärken in Hörsaal, Seminarraum und Lehrbuch. Manche Menschen müssen erst einmal erleben, dass sie etwas können. Sie müssen etwas bauen, reparieren, installieren, verkaufen, organisieren oder gestalten.
Praktisch veranlagte Menschen müssen am Ende des Tages sehen können: Das habe ich heute gemacht. Das funktioniert. Das ist mein Ergebnis. Genau darin liegt eine große Stärke der Ausbildung.
Eine Ausbildung kann Selbstvertrauen aufbauen
Diesen Punkt finde ich aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen besonders interessant. Heute geht man davon aus, dass ich schon als selbstbewusster Mensch auf die Welt gekommen bin. Dass sich das Selbstvertrauen zum Großteil, durch meine Ausbildung aufgebaut hat, kann man sich kaum vorstellen.
In unserem Talentpool haben wir immer wieder erlebt, dass es nicht nur darum geht, welchen Beruf ein Jugendlicher theoretisch ausüben könnte. Es geht auch darum, auf welcher Entwicklungsstufe er gerade steht.
Beispiel: Ein 17- oder 18-Jähriger kann durchaus intelligent sein, Abitur machen und trotzdem noch nicht die notwendige Selbstständigkeit, Orientierung oder Selbstsicherheit besitzen, um anschließend erfolgreich ein Studium durchzuziehen. Auch auf Messen hatten wir zahlreiche Gespräche, u.a. auf der Hannover Messe mit Bachelor-Absolventen. Vor uns standen jungen Menschen, um die 20 Jahre, teils siebensprachig und mit Bestnoten, die jedoch keine Idee davon hatten, wohin die berufliche Reise hingehen soll.
Auch ohne Studium können erste berufliche Erfahrungen ein erster Schritt sein. Man bekommt Verantwortung. Man arbeitet mit anderen Menschen zusammen. Man bekommt eigenes Geld. Man erlebt Erfolge, aber auch Fehler gespiegelt, um daraus die Konsequenzen zu lernen. Man lernt, morgens aufzustehen, Aufgaben zu übernehmen und Probleme selbst zu lösen.
Das verfolgen einen eigenen Tagesablaufes, kann schon alleine das Selbstvertrauen aufbauen und Selbstsicherheit geben. Dieses wiederum kann die Grundlage für ein späteres Studium sein.
Ausbildung und Studium sind keine Gegensätze
Die Botschaft wird meiner Meinung nach viel zu wenig vermittelt. Eine Ausbildung kann ein Fundament für spätere Weiterentwicklung sein.
Nach einer Ausbildung gibt es zahlreiche Möglichkeiten:
- Meister
- Techniker
- Fachwirt
- weitere berufliche Qualifikationen
- auch ein späteres Studium kann möglich werden
Die Bundesagentur für Arbeit weist ausdrücklich darauf hin, dass eine abgeschlossene Berufsausbildung zusammen mit entsprechender Berufserfahrung, abhängig vom Bundesland, den Zugang zu einem fachgebundenen Hochschulstudium ermöglichen kann.
Damit entsteht ein Bildungsweg, der beispielsweise so aussehen kann:
- Schule
- → Ausbildung
- → Berufserfahrung
- → Weiterbildung oder Studium
Und manchmal ist dieser Weg für einen jungen Menschen sogar sinnvoller als:
- Schule
- → direkt Studium
- → Abbruch
- → Orientierungslosigkeit
Es gibt nicht den einen einzig und richtigen Lebenslauf.
Nicht nur auf Eltern hören: Oftmals wird die Karriere durch Erwartungen der Eltern vorgegeben, direkt oder indirekt. Schon vor einer Berufsentscheidung hab es sicherlich Situationen, in denen man nicht immer auf die Eltern gehört hat. Als Ratgeber nutzen auf jedenfall, jedoch muss an oberster Stelle eine Berufsentscheidung sein, dass die Berufsausübung oder auch das Studium, sprich langfristige Lernen, Spaß macht.
Gerade das Handwerk sollten wir neu betrachten
Besonders spannend finde ich das beim Handwerk. Wir reden ständig über Digitalisierung, künstliche Intelligenz und die Arbeitswelt der Zukunft.
Dabei vergessen wir manchmal etwas sehr Einfaches:
- Die reale Welt bleibt real.
- Häuser müssen gebaut werden.
- Leitungen müssen installiert werden.
- Heizungen müssen gewartet werden.
- Photovoltaikanlagen müssen montiert werden.
- Dächer müssen repariert werden.
- Maschinen müssen gewartet werden.
- Elektroanlagen müssen installiert werden.
Und wenn irgendwo vor Ort ein Problem auftritt, hilft es wenig, wenn eine KI zwar theoretisch weiß, wie man es lösen könnte, aber niemand da ist, der tatsächlich auf die Leiter steigt, die Anlage öffnet, das Material beurteilt und die Lösung umsetzt.
Die Bundesagentur für Arbeit zählt handwerkliche Berufe deshalb zu den Tätigkeitsfeldern, die trotz KI vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber einer vollständigen Ersetzung sind. Als Gründe nennt sie unter anderem Geschicklichkeit, Kreativität und flexible Problemlösung.
Das bedeutet nicht, dass KI das Handwerk nicht verändern wird.
Im Gegenteil: Ein Handwerker, der KI, digitale Planung, moderne Maschinen, CAD, Sensorik oder intelligente Werkzeuge einsetzen kann, wird vermutlich einen erheblichen Vorteil gegenüber jemandem haben, der diese Möglichkeiten ignoriert.
Die Zukunft des Handwerks ist deshalb wahrscheinlich nicht „Handwerk gegen KI“, sondern „Handwerk mit KI“.
Persönlicher Vorteil im Handwerk
Eine handwerkliche Ausbildung hat für mich noch eine zweite Dimension, über den Beruf hinaus.
Man lernt Dinge, die man im eigenen Leben gebrauchen kann. Beispiele:
- Wer Elektriker ist, versteht elektrische Anlagen besser.
- Wer Anlagenmechaniker gelernt hat, versteht Heizung und Wasser anders.
- Wer Tischler ist, kann mit Holz umgehen.
- Wer Maurer ist, weiß, wie ein Gebäude entsteht.
- Wer im Baugewerbe arbeitet, bekommt ein völlig anderes Verständnis dafür, was eigentlich hinter einem Haus steckt.
Das kann später sogar privat einen erheblichen Wert haben. Beim eigenen Hausbau, bei einer Renovierung, beim Umbau einer Wohnung oder einfach bei der Beurteilung eines Handwerkerangebots. Man wird ein Stück unabhängiger.
Wissen fürs private Leben: Natürlich ersetzt das keinen Meisterbetrieb und schon gar nicht die notwendige Fachqualifikation bei sicherheitsrelevanten Arbeiten. Aber das grundlegende Verständnis für Materialien, Konstruktionen und Arbeitsabläufe kann ein Leben lang nützlich sein.
Wir sollten Jugendlichen nicht nur fragen: „Was willst du studieren?“
Vielleicht müssten wir Jugendlichen viel häufiger diese Fragen stellen:
- Was machst du gerne mit deinen Händen?
- Was interessiert dich wirklich?
- Arbeitest du lieber allein oder im Team?
- Möchtest du am Ende des Tages ein sichtbares Ergebnis haben?
- Möchtest du Dinge bauen, reparieren oder gestalten?
- Wie viel Theorie liegt dir?
- Wie gehst du mit Verantwortung um?
Und vielleicht die wichtigste Frage: Was brauchst du gerade, um Vertrauen in deine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln?
Denn genau hier liegt meiner Meinung nach eine häufig unterschätzte Funktion der Ausbildung. Sie ist nicht nur Berufsausbildung. Sie kann auch ein Entwicklungsraum für junge Menschen sein.
Das Problem liegt nicht nur bei den Jugendlichen
Allerdings sollten wir auch die andere Seite betrachten. Wenn Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, kann man nicht automatisch den Jugendlichen die Schuld geben.
Das IAB zeigt beispielsweise, dass 2024 rund ein Drittel der angebotenen Ausbildungsplätze nicht besetzt werden konnte. Gleichzeitig berichteten Betriebe von Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden. Ein weiterer wichtiger Grund für fehlende Ausbildungskapazitäten ist daher auch fehlendes Personal in den Betrieben selbst.
Wichtig: Auch die Betriebe müssen deshalb ihren Beitrag leisten. Ein Jugendlicher ist kein fertiger Mitarbeiter. Eine Ausbildung bedeutet Ausbildung. Das klingt banal, wird aber manchmal vergessen.
Wer einen 16-, 17- oder 18-Jährigen einstellt, bekommt nicht automatisch einen motivierten, selbstständigen und belastbaren Mitarbeiter. Ein junger Mensch muss erst lernen, was Arbeitsleben bedeutet. Dazu gehören gute Betreuung, klare Erwartungen, Geduld und ehrliches Feedback.
Weitere Studie: Eine aktuelle Befragung von mehr als 5.300 Auszubildenden zeigt übrigens, wie wichtig genau dieser Praxisbezug ist. Rund 94 Prozent nannten praktische Tätigkeiten und den unmittelbaren Einstieg in den Berufsalltag als wichtige Gründe für ihre Entscheidung für eine Ausbildung. Übrigens, 85 Prozent würden ihre Ausbildung in ihrem Unternehmen weiterempfehlen.
Vielleicht brauchen wir weniger Bildungsdenken und mehr Entwicklungsdenken
Das ist für mich die eigentliche Botschaft hinter den Zahlen. Nicht jeder Jugendliche muss studieren. Nicht jeder Jugendliche sollte eine Ausbildung machen. Und nicht jeder muss mit 18 bereits wissen, was er mit seinem gesamten Leben anfangen möchte.
Aber wir sollten jungen Menschen unterschiedliche Wege offenhalten. Eine Ausbildung kann der direkte Einstieg in einen Beruf sein. Sie kann der Einstieg in eine Karriere sein. Sie kann die Grundlage für einen Meister oder Techniker sein.
Und sie kann für manche Jugendliche auch ein erster Schritt sein, um Selbstvertrauen, Selbstständigkeit und praktische Erfahrung aufzubauen und später über einen weiteren Bildungsweg doch noch zu studieren.
Deshalb würde ich die Frage nicht mehr so stellen:
„Ausbildung oder Studium?“
Sondern:
„Welcher Weg bringt diesen jungen Menschen jetzt am besten weiter?“
Vielleicht wäre das eine wesentlich sinnvollere Diskussion. Denn am Ende brauchen wir nicht möglichst viele Akademiker und auch nicht möglichst viele Handwerker. Wir brauchen Menschen, die etwas können, Verantwortung übernehmen und ihren Platz in einer sich stets verändernden Arbeitswelt finden. Und davon können wir eigentlich gar nicht genug haben.
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